Schulpastoral

Bistum Regensburg

 

Anregungen für Gespräche am Tag danach

 

Die folgenden Ausführungen können sowohl bei Gesprächen mit einzelnen Schülerinnen und Schülern als auch bei Gesprächen mit Gruppen oder Klassen nützlich sein. Sie gelten dem „Tag danach“.

 

Fragen Sie nach Eindrücken und Reaktionen:

  • Wo warst du, als es geschah? Beschreibe, was geschah, was du gesehen, gehört hast!
  • Erzähle, was für dich am schwierigsten, was der schlimmste Moment war!
  • Wie ging es deinen Mitschülern oder deinen Familienmitgliedern? Wie geht es ihnen jetzt?

 

Ermutigen Sie Betroffene, über das Ereignis zu sprechen, sich auszudrücken:

  • Verwenden Sie keine Verallgemeinerungen (z.B. „immer, nie“, sondern lieber: „In einer solchen Situation reagieren Leute oft ... Ist das bei dir/euch ähnlich?“).
  • Erlauben Sie bewusst den Ausdruck von Trauer oder Ärger (z.B. „Es ist normal, in einer solchen Situation zu weinen oder Wut zu empfinden.“).
  • Üben Sie aber keinen Zwang aus, Fragen zu beantworten oder zu sprechen, sondern bieten Sie verschiedene Alternativen an!
  • Vermeiden Sie Konfrontationen! Es kann sein, dass ein Schüler ein Ereignis momentan verdrängt oder projiziert. Lassen Sie diesen Abwehrmechanismus in der Krisensituation zu. Vermeiden Sie aufdeckende Gesprächsführung!

 

Akzeptieren Sie die Ausdrucksformen der Schüler oder Schülerinnen:

  • Trösten Sie Weinen oder Schluchzen nicht weg, halten Sie diese Reaktion aus.
  • Signalisieren Sie schweigenden Menschen die Akzeptanz des Schweigens, halten Sie es aus und machen Sie vorsichtige Angebote.
  • Helfen Sie, Hilflosigkeit und Ohnmacht auszuhalten, trösten Sie diese Gefühle nicht weg.
  • Akzeptieren Sie auch Zorn und Wut, kennzeichnen Sie aber aggressive Vorstellungen als Fantasien. Benennen Sie offene Aggressivität als Gefahr und überlegen Sie Hilfen zur Impulskontrolle.
  • Fangen Sie Aggressionen und Provokationen gegen Sie freundlich, aber bestimmt auf. Sie richten sich nicht wirklich gegen Ihre Person, sondern sind Ausdruck der Verunsicherung und Beunruhigung!
  • Versichern Sie dem Schüler, dass die gezeigten Reaktionen bei einer äußerst stresshaften Situation unüblich sind, um keine zusätzliche Verunsicherung auftreten zu lassen.
  • Versichern Sie, dass es keine „richtige“ Art gibt, wie man sich nach einem solchen Ereignis zu fühlen hat (auch um zu vermeiden, dass die Schüler sich gegenseitig angreifen). Menschen reagieren ganz unterschiedlich (intensive Gefühle, Versteinerung, gefühlsmäßig zunächst gar keine Betroffenheit usw.).

 

Möglichkeiten, Spannungen zu reduzieren, emotional zu stabilisieren:

  • malen, schreiben, dramatisch gestalten ...
  • Gefühle mit anderen Schüler/innen, Eltern teilen ...
  • Briefe an die Trauerfamilie oder an Freunde entwerfen ...
  • fiktive Briefe als Abschiedsgruß an das Opfer schreiben ...
  • für Entspannung sorgen: Atemübungen instruieren; hinlegen lassen, in Decke packen
  • Unruhe auffangen, z.B. durch Spazierengehen
  • Aktionen „verschreiben“, falls es die Verfassung zulässt: z.B. irgendetwas holen, trinken, essen, jemand anderem helfen ...
  • Körperkontakt und Anlehnungsbedürfnis zulassen, wenn es einem selbst nicht unangenehm ist!

 

Wichtig: Stellen Sie den Schülern und Schülerinnen frei, wie sie trauern wollen.

  • Die Schülerinnen und Schüler sollten selbst entscheiden können, was ihnen gut tut und ob sie die Erfahrungen dann mit anderen teilen wollen, z.B. ob sie Bilder anderen zeigen und über sie sprechen wollen oder nicht. Briefe können geheim gehalten, verbrannt, abgeschickt, bei einem Todesfall ins Grab mitgegeben oder mit anderen gelesen werden. Gedichte könnten eingerahmt und im Klassenzimmer oder daheim aufgehängt werden ...
  • Passen Sie sich beim Atmen, Sprechen, Gehen usw. zunächst ans Tempo des Betroffenen an und verändern Sie dies erst allmählich. Sind die Schüler z.B. sehr laut, selbst nicht zu ruhig sein, erst langsam ruhiger werden.
  • Würdigen Sie die Belastung und stellen Sie die Schüler darauf ein, dass eine Bewältigung unter Umständen lange dauert, aber stellen Sie eine Bewältigung in Aussicht.
  • Kritisieren Sie die Sichtweise des Betroffenen nicht, sondern lenken Sie diese in eine positive Richtung (z.B. „Es ist schrecklich!“ --> „Ja, es ist schrecklich. Aus anderen Krisensituationen weiß ich aber auch, dass sich das in einiger Zeit ändert, dass es Möglichkeiten gibt, dabei mitzuhelfen, dass du in einiger Zeit wieder gut zurechtkommst.“).
  • Vermeiden Sie schnellen und leeren Trost („Das wird schon wieder“) und ein Herunterspielen des Problems.
  • Strahlen Sie keinen unangemessenen Optimismus aus, bleiben Sie immer realistisch.
  • Helfen Sie, dass der Betroffene aufhört, sich selbst als Überlebenden zu bezeichnen und existenzielle Fragen zu stellen (z.B.: „Warum ist das passiert?“ Diese Frage kann man natürlich nicht beantworten. Krisen sind ein Teil des Lebens und der Tod etwa betrifft jedes Lebewesen auf der Welt. Es gibt Dinge, die man kontrollieren kann, und andere, die man nicht kontrollieren kann.).


Schaffen Sie ein besseres Verständnis der Fakten:

  • Fragen Sie: Was weißt du über das Ereignis?
  • Trennen Sie Tatsachen von Gerüchten, geben Sie klare und präzise Informationen.
  • Schneiden Sie Zeitungsberichte aus und erstellen Sie eine Dokumentation oder regen Sie dazu an.


Seien Sie vorsichtig mit Schuldzuweisungen:

  • Häufig sind Ursachen und Hintergründe für ein Ereignis sehr vielfältig und komplex. Schuldzuweisungen sind häufig voreilig.
  • Mehr Sinn macht es, Fakten zu sammeln und Fragen zu stellen.
  • Hilfreich ist auch, sich dabei zu verdeutlichen, dass es auf manche Fragen keine befriedigende Antwort geben wird.


Helfen Sie, Bewältigungsstrategien zu entwickeln:

  • Was und wer hat dir bis jetzt geholfen, mit der Situation besser klarzukommen?
  • Was könnte dir helfen, noch besser damit umzugehen?
  • Wen möchtest du am liebsten in deiner Nähe haben?
  • Wer könnte dir sonst noch helfen?
  • Wie könntest du dir heute Nachmittag helfen, wenn es dir schlecht geht?


nach: STEIN/BREITSCHAFT, München, ergänzt